Landwirtschaftliche Genossenschaft Reiden

Nach dem deutsch-französischen Krieg anno 1870 herrschte eine Periode schwerster wirtschaftlicher Not. Besonders aber die 80er Jahre des verflossenen Jahrhunderts waren für Landwirtschaft eine Zeit katastrophalen Niederganges. Eine Agrarkrise von bisher nie erlebtem Ausmasse brachte viele landwirtschaftliche Existenzen an den Rand des Ruins. Zusammenschluss zum gegenseitigen Schutz tat not. Deshalb gründeten in der ganzen Schweiz herum die Bauern landwirtschaftliche Vereinigungen. Der Genossenschaftsgedanke bekam mächtig Auftrieb.

Auch in Reiden wurde im Jahre 1892 im Schosse des Bauernvereins Reiden ein Initiativkomitee gebildet, das die Aufgabe hatte, die Gründung einer landwirtschaftlichen Genossenschaft vorzubereiten. Dieses Komitee leistete unter der zielbewussten Leitung von Herrn Gustav Elmiger tatkräftige Vorarbeit. Schon am 1. Juni 1893 fand die konstituierende Versammlung statt. Die Gründung der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Reiden war zur Tatsache geworden und bereits 46 Mitglieder haben bei diesem Anlass die Statuten unterschrieben. Als Präsident wurde Herr Gustav EImiger und als Geschäftsführer Herr Josef Aecherli, Mehlsecken gewählt.

Die ersten Statuten bestimmten als Ziel und Zweck folgendes: „Förderung des landwirtschaftlichen Betriebes durch gemeinschaftlichen Bezug von landwirtschaftlichen Betriebsmaterialien und Konsumartikeln, Belehrung durch Wort und Schrift, Beispiel, Kursen, Proben usw. event. gemeinsamer Verkauf von Produkten. Gemeinschaftsbetrieb einzelner Zweige der Nebengewerbe der Landwirtschaft. Beschaffung von Betriebs- und Anlagekapital für die Mitglieder, vereintes Vorgehen zur Abwehr von Unglück.“  

alte Landwirtschaftliche Genossenschaft Reiden

Der Anfang war bescheiden. Im ersten Jahre wurde ein Umsatz von Fr. 35,000.-- erreicht. Die Kompetenzen des damaligen Geschäftsführers waren anfänglich noch beschränkt, denn wenn z. B. ein Wagen Dünger oder Futtergetreide gekauft werden musste, besammelte sich der ganze Vorstand. Doch rasch setzte sich die neue Institution durch. Während in den ersten paar Jahren die Scheune des Herrn Jos. Aecherli als Magazin diente, erteilte die Generalversammlung der Genossenschafter bereits im Jahre 1895 einer Baukommission den Auftrag, die Vorarbeiten für den Bau eines Lagerhauses an die Hand zu nehmen. Im Jahre 1898 wurde dann das Lagerhaus gegenüber dem Güterschuppen der SBB erstellt. Die Baukosten betrugen Fr. 12,000.--. Im Jahre 1924 erwarb die Genossenschaft das Lagerhaus der ehemaligen Reismühle mit Geleiseanschluss um Fr. 45,000.--. 1930 wurde das untere Lagerhaus an Herrn Ad. Aecherli verkauft und mit dem Erlös das jetzige Lagerhaus zum Teil unterkellert.
Um den weiter vom Hauptsitz der Genossenschaft entfernten Landwirten besser dienen zu können war es notwendig, Depots zu errichten. Das erste im Jahre 1906 war Pfaffnau, worauf dann Richenthal und Hintermoos-Wikon bald folgten.
Im Jahre 1920 trat Herr Jos. Aecherli als Geschäftsführer zurück. An seine Stelle wurde Herr Hans Baumann gewählt, der dieses Amt bis 1935 versah. Als Herr Baumann zufolge anderweitiger starker Inanspruchnahme zurücktrat, fiel die Wahl auf den noch jetzt im Amte stehenden Jules Solér, der bereits vorher in unserer Genossenschaft 8 Jahre die Stelle eines Buchhalters bekleidete.
Im Laufe der Jahre entwickelte sich die Genossenschaft gewaltig. Die Mitgliederzahl wuchs auf 350 an und der Warenverkauf überstieg eine Million Franken. Bereits 1924 wurde mit einem Kostenaufwand von Fr. 50,000.-- eine Mühleneinrichtung; und Saatreinigungsanlage eingerichtet, ferner das Lagerhaus unterkellert, durchgehende Rampen erstellt, ein Vordach gebaut.
Die eigenen Mittel der Genossenschaft betragen heute rund Fr. 120,000.--; im Laufe der Jahre wurden auf Mobilien und Immobilien rund Fr. 80,000.-- abgeschrieben. Die Liquidität darf als sehr gut bezeichnet werden. Verantwortungsbewusste Männer richteten ihr Hauptaugenmerk immer darauf, der Genossenschaft eine sichere finanzielle Grundlage zu schaffen. Es liegt dies im eigenen Interesse der Genossenschafter selbst.
Der Gedanke der genossenschaftlichen Selbsthilfe hat sich im Allgemeinen zum grossen Nutzen der Bauernsame ausgewirkt. Die kontinuierlich sehr gute Entwicklung der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Reiden gereichte aber ganz besonders unsern Genossenschaftern zum Segen. Wir wollen uns auch in Zukunft mit ganzer Kraft für den Genossenschaftsgedanken einsetzen, nicht allein zur wirtschaftlich materiellen Besserstellung der Landwirtschaft sondern auch zur Erhaltung eines gesunden, moralisch hochstehenden Bauernstandes.