Herrn Direktor Vinzenz Blum in Richenthal

Direktor Vinzenz Blum

Erinnerung an sein 25jähriges Jubiläum

hausVinzenz Blum wurde am 28. April 1869 als das jüngste von sechs Kinder in dem freundlichen Häuschen, das noch heute ob der Kurkapelle steht, geboren. Die Familie, der er entsprossen, war nicht mit irdischen Gütern gesegnet, besass aber dafür einen tief religiösen Sinn und ein felsenfestes Gottvertrauen, Eigenschaften die in besonderer Weise auf den jüngsten übergingen. Die Glücksgöttin hatte ihr Kind nicht nur nicht auf Rosen gebettet, sondern ihm empfindlich stechende Dornen in die Wiege gelegt. Vinzenz kam als körperlich schwacher Knabe zur Welt und hatte durch Jahre hindurch sozusagen fast keinen gesunden Tag. Während den ersten drei Lebensjahren wurde er von einem fürchterlichen Gesichtsausschlag gepeinigt, der besonders die Augen in Mitleidenschaft zog, sie blutrot färbte und allen Ernstes eine Erblindung befürchten liess. Nur durch fast steten Aufenthalt im Dunkeln und langsame Anbequemung an das Licht, konnten die Augen gerettet werden. Später suchten den armen Knaben sozusagen alle Kinderkrankheiten heim. Nie konnte er sich mit seinen Altersgenossen recht des Lebens freuen. Mit neun Jahren quälten ihn nicht selten furchtbare Erstickungsanfälle, so dass sein Gesicht ganz blau gefärbt wurde. Des Öftern glaubte man, sein letztes Stündchen sei gekommen. Diese Anfälle wiederholten sich mit verschiedener Heftigkeit alle zwei bis drei Jahre. Dabei kam es vor, dass meist ohne dass der arme Patient tagelang regungslos dalag, doch    meist ohne das Bewusstseins zu verlieren. Der Arzt konstatierte einen starken Herzfehler. Während den Pausen seiner Krankheit besuchte der sehr gut veranlagte und wissensbegeisterte Knabe die Primarschule seines Heimatdorfes und half daselbst sogar in den letzten zwei Jahren dem Lehrer von Richenthal beim Unterricht, da dieser die Arbeit mit 93 Schülern kaum zu bewältigen vermocht. Dann trat Vinzenz in die Sekundarschule von Altishofen über, an der damals der spätere Herr Regierungsrat Erni wirkte, und zeichnete sich durch grossen Fleiss und schöne Fortschritte aus. Da der gute Vater Blum bereits neun Jahre krank darniederlag, ging es oft recht schmal zu, und selbst die bittere Not blieb dem Jungen nicht erspart. Aber gerad ein diesen dunkeln Tagen leuchtete sine Seele in ihrer zarten Schönheit, in ihrem ganzen Adel auf. Ob des weiten Weges von Richenthal nach Altishofen konnte der ohnehin schwächliche Schüler über Mittag nicht nach Hause kommen. Deshalb erhielt er täglich daheim 30 Rappen, wofür er bei einem Wirte ein bescheidenes Mittagessen bekam. Da ihm aber die Not im Elternhause, besonders die Entbehrungen, die sich die liebe Mutter auferlegten musste, tief zu Herzen ging und er kein Mittel fand, um sie zu lindern, fasste der kleine Sekundarschüler einen wirklich heroischen Entschluss; er sparte sich durch längere Zeit das Mittagsbrot von seinem Munde ab, legte die täglich erübrigten 30 Rappen zusammen und kaufte dafür seinem Mütterchen warme Unterkleider und nötiges Küchengeschirr. Ganz glücklich überraschte er es damit am Ostertage. Mit Tränen in den Augen vernahm die Mutter, wie ihr Kind zu diesen Gaben gekommen, und verbot ihm für alle Zukunft auf das strengste, sich solche Entbehrungen aufzuerlegen, da dadurch seine zarte Gesundheit auf das schwerste gefährdet würde. In diesem rührenden Zug der Kindesliebe zeigt sich bereits die Veranlagung zum spätern barmherzigen Samariter und grossen Wohltäter der Menschheit.

Nach Absolvierung der Sekundarschule regte sich in dem geweckten und frommen Knaben mächtig der Wunsch, zu studieren und Priester zu werden. Da der Vater inzwischen gestorben war, lag die ganze Sorge auf den Schultern der Mutter und ältern Geschwister. Ihre Güte und Liebe ermöglichten ihm das Studium, und der Hochwürdige Herr Pfarrer Haas von Richenthal brachte das kleine Studentlein an das Gymnasium nach Luzern, wo es sich mit Eifer auf das Lateinstudium verlegte. Aber schon um Weihnachten befiel den Armen eine heftige Lungen- und Brustfellentzündung, so dass er dem Tode nahe war. Nach Hause zurückgekehrt, stellte sich fast alle vierzehn Tage ein heftiges Migränekopfweh ein, so dass der arme Patient tagsüber fast nichts essen konnte. Dazu gesellten sich öfter sich des öftern Fieberanfälle. Bei seinem starken Willen versuchte Vinzenz im folgenden Jahr an der Mittelschule in Beromünster seine Studien fortzusetzen, in der Hoffnung, dass die Höhenluft daselbst dem schwachen Organismus besser zusage als das Klima von Luzern. Aber noch vor Ostern wurde er aufs Neue schwer krank und musste jetzt ein volles Jahr lang aussetzen. Bei der Zähigkeit seines Willens machte unser Student einen dritten Versuch, und jetzt schien`s zu gelingen; denn durch drei volle Jahre konnte er ziemlich ungehindert bei den Vätern Kapuziner am Kollegium Stans den Studien obliegen. Hier nun regte sich auch der schon früher gehegte Wunsch Kapuziner zu werden, noch mächtiger in ihm. Doch es sollte nicht Sein. Im Februar 1891 wurde der Vielgeprüfte so heftig von der bösen Influenza befallen, dass er abermals an den Rand des Garbes kam. Bei seinem stark geschwächten Organismus konnte unmöglich an eine regelmässige Fortsetzung des Studiums gedacht werden. So sah er sich denn genötigt, so gut es ging, durch Privatstudium vorwärts zu kommen. Liebe alte Professoren und besonders B. Grasmus, ein Vetter von Vinzenz, gaben dem wissensdurstigen Jüngling, der sich durch all das Erlittene nicht abschrecken liess, jeweilen die nötigen Winke und Aufschlüsse. In besonderer Weise bemühte sich der Hochw. Herr Pfarrer Thüring, der Vinzent erster Professor in Luzern gewesen und inzwischen als Pfarrer nach Reiden gekommen war, um seinen einstigen hoffungsvollen Zögling und gab ihm zahlreiche Privatstunden. Die Fortschritte waren derart, dass er diesem des öftern berechtigte Hoffnung, die Maturität ohne grosse Schwierigkeiten bestehen zu können. Neben dem Studium, dem unser strebsame junge Mann, soweit es ging, den ganzen Winter oblag, half er seinem ältesten Bruder wacker mit der Bestellung des heimatlichen Hofes, was nicht wenig zur Kräftigung seiner Gesundheit beitrug.

Im Jahre 1895 trat ein Ereignis ein, das auf den zukünftigen Beruf des so hart Mitgenommen von grosser Bedeutung war. Ein lieber Vetter von ihm erkrankte schwer. Vinzenz erbot sich an, ihn zu pflegen. Bei diesem Anlasse wurde zum erstenmal unter Anleitung der Tante, einer verständigen und energischen Frau, am Patienten die Kneippsche Methode erprobt und zwar mit überraschend gutem Erfolg. Die zwei behandelnden Ärzte waren ob der unerwartet eingetretenen Besserung sprachlos konnten sich das Geschehene nicht erklären. Der damals Geheilte lebt heute noch und ist ein vorbildlicher Arbeiter. Bei dieser Pflege unterrichtete Herr Dr. Waltisberg aus Dagmersellen den jungen Blum im Untersuchen, und es die Medikamente schon auf den Bericht hin, der am Morgen über den Kranken erfolgte gegeben; Herr DR. Waltisberg rühmte die grosse Sicherheit der Diagnose. Die Beobachtungen, die Vinzenz Blum als Krankenwärter hier gemacht, brachten ihn, da seine Gesundheit immer wieder ins Wanken kam und die Symptome der frühern Leiden aufs Neue sich bemerkbar machten, auf den Gedanken, eine Kneippanstalt aufzusuchen. Um da ihm der Hochwürdige Herr Pfarrer Thüring grosse Dinge vom Prälaten Kneipp in Wörishofen und dessen Heilmethode erzählt hatte, beschloss, sich dorthin zu begeben.  Die Erfahrungen, die Blum hier machte, wurden bestimmend für sein ganzes Leben und sein künftige Tätigkeit. Jetzt entspann sich ein Kampf in der Brust des jungen Mannes. Der Wunsch Priester zu werden, trat stärker denn je in den Vordergrund, doch wie ihn verwirklichen? Immer wieder zeigten ihm seine Rückfälle, dass es unmöglich sei, mit Erfolg seine Studien fortzusetzen. Daneben drückten ihn noch schwere finanzielle Sorgen. In stillen Gebet rang der junge Dulder mit dem Himmel, und langsam wurde es Tag in seiner Seele. So gern er jedes Opfer für Gott und seine Kirche im Priesterstand gebracht hätte, erkannte er doch immer deutliche dessen Unmöglichkeit. Ein anderer Gedanke trat nun lebendig in den Vordergrund, ein Gedanke, den ihm das eigene Empfinden als höhere Macht einzugeben schien. Er fragte sich: Will dich Gott vielleicht gerade in jenem Beruf haben, den du ob des natürlichen Widerwillens und Ekels an bestimmten Krankheiten und ihren Begleiterscheinungen wohl selbst niemals wählen würdest? Das Ringen war schwer, aber das zarte Bedauern, das Vinzenz immer mit den Kranken gehabt, und die Liebe, mit der er sich doch wieder zu ihnen hingezogen fühlte, besiegten schliesslich die natürliche Scheu. Der Beruf im Dienste der leidenden Menschheit kam ihm nächst dem Priesterberuf als der idealste vor. Wie einst Abraham mit dem Engel gerungen und ihn nicht von sich gelassen , bis er ihn gesegnet, so drang auch unser junge Kämpe in den Herrn und sprach zu ihm: «Herr, wenn du mich nicht sterben lassen willst, wenn Du mir in Zukunft nur so viel Kraft gibst, um mein Brot zu verdienen und niemanden zu Last zu fallen, dann verspreche ich Dir, nach Aneignung der nötigen Kenntnisse in der Wasserheilmethode, unentgeltlich die Pflege der Kranken der Heimatgemeinde sowie die damit verbundenen Nachtwachen zu übernehmen…» Und merkwürdig von jener Stunde an schien eine körperliche Umwandlung vor sich gegangen zu sein. Das Fieber wich vollständig, die Erstickungsanfälle stellten sich langen Jahre nie mehr ein, die Herztätigkeit erlaubte ihm den ganzen Tag zu arbeiten, das Kopfweh und das Erbrechen waren nur noch seltene Begleiter. Der ganze Organismus schien verjüngt und gestärkt. Nun hiess es Wort halten. Vinzenz Blum der in so offenkundiger Weise die Bestätigung für seinen Beruf vom lieben Gott erhalten zu haben glaubte, begann mit der Pflege der Kranken in Wörishofen und hielt oft Tag und Nacht an ihrem Lager aus. Daneben vertiefte er sich unter der tüchtigen Anleitung des Prälaten Kneipp Herr Geromiller mit ganzer Seele in die Wasserheilmethode und machte sich dieselbe theoretisch und praktisch in dem Masse zu eigen, dass das ihm ausgestellte Diplom als erste und einzige Auszeichnung… die vor und nach ihm niemanden mehr zuteilwurde… die Unterschrift des Erzherzog Josef von Österreich, der Ehrenpräsidenten des Wörishofer Kneipp- und Krankenvereins, erhielt. Zur Aneignung der nötigen anatomischen Kenntnisse brachte Vinzenz Blum auch einige Zeit in München zu. Während den Ferien daheim gab ihm der tüchtige Hausarzt Dr. Waltisberg weitere im Untersuchen und war mit den von ihm festgestellten Diagnosen stets seht zufrieden. Daneben hatte unser unermüdliche Kneipppraktikant mit rastloser Hingebung unter Anleitung von Herrn Prof. Duboislinskn und Dr. Blümelle sich durch sechs volle Jahre hindurch mit der Augendiagnose befasst und zwar nach dem System von Dr. med. Peczeln, des Chefarztes des Hauptspital in Budapest. Zwischenhinein war er immer wieder in Wörishofen, das ihm zur zweiten Heimat geworden, und erwarb hier das Zutrauen der Kranken in hohem Masse.

Der mit tüchtigen Kenntnissen ausgerüstete Naturarzt wäre nun wohl noch gerne länger in Wörishofen geblieben, aber ein Umstand zog ihn heim. Seine alternde Mutter begann bedenklich zu kränkeln und sehnte sich nach dem Liebling, dem einstigen Sorgenkinde. Ihr Wunsch war ihm heilig; denn der Mutter Bild war in unauslöschlichen Zügen in sein Herz eingegraben.

Gross war die Freude des Wiedersehens, und nun begann eine neue Etappe im Leben von Vinzenz Blum. Daheim hatte man mit Staunen und Verwunderung die günstige Wandlung im Gesundheitszustande des früher kränklich aussehenden jungen Mannes wahrgenommen. Die Kneippkur hatte sein Leben gerettet. Kein Wunder, dass deshalb manche Kranke und halb oder ganz Aufgegebene zu ihm kam und um Hilfe bat. In besonderer Weise aber wurde Man auf das Können unseres Naturarztes aufmerksam, als dieser im Jahre 1898 einen jungen Mann von Neuhaus aus Neuenkirch, den die Ärzte aufgegeben und von dem bereits Geschwister an der galoppierenden Schwindsucht gestorben waren, durch Anwendung der Wasserkur vollständig herstellte. Die Applikationen wurden bei schlechtem Wetter im Innern des väterlichen Hauses, bei schöner Witterung aber im Freien verabfolgt. Die Einrichtung war noch äusserst primitiv, aber der Anfang war gemacht. In Rücksicht auf den wirklich Aussehen erregenden Fall des Knaben von Neuhaus, drangen der Vater des Patienten sowie der Ortspfarrer daselbst allen Ernstes in Vinzenz Blum es in der Schweiz mit der Eröffnung einer Wasserheilanstalt zu versuchen. Vinzenz widerstrebte zuerst diesem Ansinnen, weil es nicht im Einklang mit seinem Versprechen lag. Von verschiedener Seite dazu ermutigt, kam er dem Wunsche und Drängen nach und baute im Frühling 1899 dem kurz vorher erstandenen Heim seines Bruder Johann, das später 1902 zum Kurhotel erweitert wurde, das kleine Direktorenhäuschen nebst Badeeinrichtung.  Abgesehen von verschiedenen Erweiterungen und modernen Neuerungen, ist es im Kern bis auf den Augenblick sich gleichgeblieben. Wie sehr die Eröffnung einer Kneippanstalt dem Bedürfnisse der Zeit entsprach und auch in den Plänen dessen lag, der den einstigen Aspiranten der Theologie zur Wassertherapie hat abschwenken lassen, lässt sich daraus ersehen, dass bei der Eröffnung der Anstalt am 11. Juni 1899 sich nicht weniger als 75 Kurgäste anmeldeten, Doch es hatten in dem damaligen Kurhaus nur 22 Personen Platz. Bei alles Einschränkung konnte der angehende Direktor noch für 13 Betten in seinem Häuschen schaffen. Propaganda wurde keine gemacht, nie wurde auch nur ein Heller zu Reklamezwecken vom Direktor selbst ausgegeben. Von dem Gefühle einer höhern Sendung erfüllt, betrachtete sich dieser als Werkzeug der Vorsehung und überliess ihr die Entwicklung seiner Neugründung. Er bekam Arbeit genug; sie nahm immer zu und stieg schliesslich ins riesenhafte. «Es wächst der Mensch mit seinen grössern Zwecken.» Vinzenz befand sich in seinem Element. Die schönen Erfolge schürten seinen unternehmungslustigen Geist. Bis Mai 1901 wohnte er noch im Hause seiner lieben Mutter, deren zarte Gesundheit die grösste Sorge erheischte, mit seinem ältesten Bruder Josef, besorgte aber alle Anwendungen für die Herren an der Anstaltselbst.

Für die Frauen war eine gewissenhafte und geschickte Badmeisterin angestellt. Es ist nun geradezu staunenswert, was der einst schwerkranke Knabe und Jüngling für eine Tagesarbeit zu bewältigen vermochte. Morgen 5 Uhr und zeitweise schon um 4 Uhr verabfolgte der Direktor seinen männlichen Patienten die Wickel. R musste er natürlich noch für den gekochten Absud sorgen. Nach Beendigung der Wickel, um 6 oder halb 7 Uhr, begannen nach einem kurzen Morgenimbiss die Sprechstunden. Von 10 bis halb 12 Uhr verfügte er sich in die Baderäume und gab den Patienten die verschiedenen Güsse und Bäder. Nach dem Mittagessen wurden von 12 bis 2 Uhr die Sprechstunden fortgesetzt. 2-3 Uhr aufs neue Anwendungen im Bad, darauf stand der unermüdliche Direktor wieder bis oft tief in dies Nacht hinein den immer in grösserer Zahl herbeiströmenden Hilfsbedürftigen zur Verfügung. Arme Patient wurde stets unentgeltlich behandelt.

Direktor Blum mit seiner ersten Gattin Katharina AchermannDie Verhältnisse an der Kneippanstalt erheischten schon in den ersten Jahren mit immer grösserer Notwendigkeit auch die Leitung und Führung einer weiblichen Hans neben der des in Arbeit aufgehenden Direktors, und so verehelichte sich denn dieser am 28. April 1901 mit der edlen Fräulein Katharina Achermann aus Richenthal. Das Eheglück schien ihm zu lächeln; denn seine Frau machte ihn nach zwei Jahren zum glücklichen Vater. Doch das Kind starb gleich bei der Geburt am 9. Januar 1903. Nicht genug mit diesem Verluste, folgte bereits am 10. März die liebe Mutter dem kleinen Engel im Tode nach. Noch blutete die Wunde schwer, da musste er auch der jungen Gattin, die seit der Geburt ihres Kindes stets kränkelte, die Augen zudrücken. Am 3. September 1903 senkte man ihre irdische Hülle in die Friedhofserde. Wie ein vom Sturm entblätterter Stamm stand der schwergeprüfte der Mann am Grabe seiner schönsten Hoffnungen. Unsäglicher Schmerz durchzitterte das Herz. Aber sein Glaube und sein Gottvertrauen liessen ihn nicht zusammenbrechen. Des Herrn unerforschlicher Wille hatte ihm die Wunden geschlagen, an ihnen durfte er nicht verbluten.

Ja, tief war der Schnitt, aber tiefer noch des Mannes Seele, der nach körperlichen Leiden nun auch diesen Kelch seelischer Pein bis auf die Hefe getrunken. Von nun an gab es bei seinen Patienten kein Leid und kein Weh mehr, das er nicht aus eigener Erleben kannte. Als schönstes Denkmal der Erinnerung und zugleich als Kraftquelle zur Ertragung aller Leiden mit voller Ergebung in den Willen Gottes, erbaute er 1902, schon im Einverständnis mit seiner lieben Frau, aus deren Vermögen die schöne Kurkapelle ob seinem Häuschen. Der Heiland im Tabernakel musste ihm durch volle zwanzig Jahre Mutter, Weib und Kind ersetzen. Da holte er sich Tag um Tag den Mut und die Kraft zu seinem Schaffen, zu seinem Wissen, zu seiner beispiellosen Nächstenliebe. Während dieser Frl. Rosalie Purtschertlangen Zeit war neben Herrn Direktor Blum eine liebe Verwandte von ihm, Fräulein Rosalie Purtschert, die Seele des Hauses. In beispielloser Treue und restloser Aufopferung ihrer Kraft, waltet sie besonders im Bureau ihres Amtes und war die rechte Hand des Direktors. Ihr Leben und Wirken ist aufs engste mit der innern Entwicklung der Kneippanstalt Richenthal verknüpft. Heute noch arbeitet sie mit stets gleicher Hingebung und Heiterkeit Hand in Hand in unzertrennlicher Freundschaft der neuen Frau Direktor Maria Blum-Kohler, die Hand zum Lebensbunde reichte. Ihre vorzügliche Kenntnisse und allgemeine Bildung im Krankendienst machen sie für diesen Posten in hohem Grade geeignet. Der gleiche Idealismus beherrscht die Seele der beiden Gatten. Volles Aufgehen in der christlichen Nächstenliebe ist ihre Losung Wie ein schützender schirmender Engel steht diese grosszügige Frau an der Schwelle des ersten Vierteljahrhunderts des lieben Direktor Blum und geleite ihn in zarter Fürsorge hinüber in eine zweite, so Gott will recht lange Periode gemeinsamen segensreichen Schaffens.

Die innern Werte dieser 25 Jahre hervorzukehren und gebührend zu würdigen, ist nicht Sache des Chronisten. Der liebe Gott allein weiss es, welche Riesenarbeit im Dienste der christlichen Caritas hier geleistet wurde. Alljährlich bewegt sich, abgesehen von den während der ganzen Saison dort weilenden Kuranten, ein Strom von Leidenden und Hilfesuchenden nach Richenthal. Von morgens halb 6 Uhr bis abends spät ist der stets gleich liebe und freundliche Direktor durch Konsultationen in Anspruch genommen und besorgt daneben noch alle Kneippverordnungen für die Kurgäste. Arm und reich ohne Unterschied der Person, finden Zutritt; ja gerade dem armen Manne etwas zu sein, war von Anfang an das Bestreben des Gründers. Um den unbemittelten <<krankeneinen zeitweisen Kuraufenthalt zu ermöglichen, besteht seit dem Jahre 1907 unter den Kurgästen und alten Freunden der Anstalt ein Vinzentiusarmenverein, der während den Jahren seines Bestehens die schöne Summe 62'000 Franken zusammengebracht hat und nicht weniger als 1587 Personen der verschiedenen Konfessionen wochen- und monatelang unterstützte.

KapelleVon Geiste des Gründers und Leiters der Kneippanstalt Richenthal ist auch die ganze Kurfamilie geleitet und getragen, obgleich er selbst sich nicht mit der Verpflegung der Kurgäste befasst. Diese wird seit Jahren in geradezu vorbildlicher Weise von der verehrten Familie J. Meier besorgt, die allem den Intentionen des Herrn Direktors möglichst nachzukommen bestrebt ist. Das Kurleben bewegt sich in ungleich einfachern Formen als an den meist andern Kurorten, ist Natürlich und ungezwungen, allem Luxus und Komfort abhold und trägt ein aus gesprochenes christliches Gepräge. Durch die stete Anwesenheit eines Kurgeistlichen während der Frühlings-, Sommer- und Herbstmonate ist für das religiöse Bedürfnis der Patienten aufs beste gesorgt. Die Kurgesellschaft setzt sich aus Vertretern aller Gaue des Schweizerlandes zusammen, und so wird Richenthal zu einer Pflegestätte heimatlichen Empfindens und echt eidgenössischen Brudersinns.

Nicht verschweigen wollen wir auch, dass Herr Direktor Blum während dieser 25 Jahre segensreicher Tätigkeit oft der Gegenstand heftiger Angriffe und Verleumdungen gewesen ist.

Wie begreifen die Stellung unserer Ärzte gegenüber dem Kurpfuschertum, das sich in den letzten Jahrzehnten in der Schweiz in unheimlicher Weise zum Schaden Vieler breit gemacht hat, und teilen deren Entrüstung voll und ganz. Verfehlt aber wäre es, unterschiedslos alle Naturärzte zu dieser Art von Menschen zu zählen, zumal den verehrten Herr Direktor Blum, dem man während diesen langen Jahren auch nicht in einem einzigen Falle den Beweis für die nachteilige Beeinflussung der Gesundheit eines Patienten hat erbringen können. Niemand bedauert mehr als er die Verschuldungen und Ausbeutung des Publikums auf dem Gebiete der Naturheilkunde, und weit entfernt zu glauben zu glauben, mittelst der Kneippheilkunde alles heilen zu können, schickt er alljährlich Hunderte von Kranken zu tüchtigen Ärzten in die verschiedensten GAUE DER Schweiz, zumal wenn der Zustand des Patienten chirurgische Eingriffe nötig macht. Hätten Gesundheit und Umstände es Herrn Blum nur irgendwie möglich gemacht, so wäre er selbst noch nachträglich gern diplomierter Arzt geworden. Seine hohen Achtung vor der wissenschaftlichen Heilkunde dat Direktor Blum auch dadurch Ausdruck gegeben, dass er sich einen eidgenössisch geprüften und patentierten Arzt zum Nachfolger wünschte und schon in nächster Zeit seinen liebenswürdigen Neffen, Herrn Dr. med. Albert Blum, zu gemeinschaftlichem Schaffen zwecks Einführung on die von ihm gepflegten Kneippsche Methode heranziehen wird.

Bei diesem Anlasse möchten wir auch auf das grosse Verständnis, den edeln Takt und das hohe Interesse hinweisen, das kantonale und eidgenössische Staatsmänner stets der segensreichen Tätigkeit des Herrn Direktor Blum und seiner Anstalt gegenüber an den Tag gelegt haben. Das Schweizervolk wird ihnen dafür Dank wissen.

So tritt denn die Kneipp- und Kuranstalt Richenthal unter günstigen Auspizien in ihr zweites Halbjahrhundert ein. Wir habenkeinen andern Wunsch, als dass es dem lieben Herrn Direktor noch lange gestattet sei, sein reiches Wissen und seine grosse Erfahrung in den Dienst der kranken Menschheit zu stellen. Dem hoffungsvollen, baldigen Assistenten aber gratulieren wir von Herzen zu dem Erbe, das er antritt. Möge er in weiser Berücksichtigung der nun einmal unleugbaren grossen Erfolge auf dem Gebiet der Wassertherapeutik, die er ja selbst in Wörishofen kennen gelernt, der Kuranstalt von Richenthal ihren Charakter bewahren und die Errungenschaften der wissenschaftlichen Medizin in harmonischer Weise mit denen der Wasserheilmethode verbinden. Vor allem aber möge Richenthal der Geist erhalten bleiben, den Vater Blum seinem Werke eingehaucht hat; der Geist ernster Moralität und kerniger Religiosität, aus dem wie der Duft aus der Blume auch die wahre christliche Caritas hervorgeht.

Das Kleine ist die Wiege des Grossen; das Leid der Führer zur Höhe, aber auch zum tief Innersten. Das hat uns dieser knappe Überblick über Direktor Blums Leben und Wirken gezeigt. Krankheit und Not waren die Weggenossen und Bahnbrecher all seiner Unternehmungen. Ein Werk wurde aus der Leidenstaufe gehoben. Sein Werk wurde der Leidenstaufe gehoben. Aber der Trunk aus dem Leidensbecher ward für ihn und andere ein Lichttrank. «Das Leiden», sagt ein moderner Geistesmann, «ist ein grossen Beleuchtungskünstler, eine Instruktion, die neue bisher unbeachtete Erkenntnisgebiete erschliesst, Das Leiden ist eine vortreffliche Philosophenschule.» «Wer nichts durchgemacht hat, was weiss der?» heisst es im Buche Sirach; und selbst Goethe bekennt: «Wer nie sein Brot unter Tränen ass und nie die kummervollen Nächte auf seinem Bett weinend sass, der kennt auch nicht, ihr Himmelsmächte.» wir werden nicht fehl gehen, wenn wir behaupten, dass gerade im diesem aus Passionsdunkel geborenen Licht das grösste Geheimnis der Kraft des Herrn Direktors liegt, jenen Kraft, die so oft zur Heilung körperlicher wie seelischer Schäden den halb oder ganz gebrochenen Menschen auf die Nichtigkeit der Aussenwelt und die Wichtigkeit der Innenwelt hinweist und ihm damit die Brücke schlägt von einer unseligen Um- und Mitwelt zu einer ihn einzig beglückenden Überwelt. Diese Kraft vermag Menschen keine Buchweisheit, keine Katheder- und Schulweisheit zu vermitteln, die fliesst einzig und allein aus der Religion des Kreuzes.

Das ist`s, was wir vom Leben des braven Mannes, wie wir eingangs betonten, kurz zu dagegen hatten, selbst auf die Gefahr hin, seiner Bescheidenheit damit zu nahe zu treten. Der Herr selbst hat befohlen, den Leuchter nicht unter den Scheffel zu stellen. Drum war es selbstverständlich, dass die dankbaren Kurgäste und zahlreichen Freunde des Herrn Direktor Blum von nah und fern es sich nicht nehmen liessen, den 25. Jahrestag der Eröffnung der Kneippanstalt Richenthal festlich zu begehen und ihn mit zahlreichen Telegrammen, Glückwunschbriefen und sinnvollen Geschenken bedachten. Gut war`s nur, dass nicht alle alten Richenthaler Kurgäste von der Feier gewusst haben, ansonst der gute Herr Direktor von der Last der Lorbeeren wohl erdrückt worden wäre. Sein stilles Gebet am Ende der Feier aber lautete: «Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib die Ehre!»

Dem Leben des braven Mannes lassen wir auf den folgenden Blättern das Lied folgen, wie es in einigen der kräftigen Akkorde in Prosa und Poesie erklungen.

Dr. phil. Rupert Hänni 1925